Anthroposophische Medizin ist für viele Menschen etwas schwer Fassbares. Dabei lässt sie sich im Grunde ganz einfach charakterisieren: Sie ist eine integrative Medizin, die sich aus zwei Quellen speist - zum einen aus der naturwissenschaftlichen, konventionellen Medizin mit ihren Methoden und Ergebnissen, zum anderen aus geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. Beides gehört untrennbar zusammen, denn der Mensch besteht ja nicht nur aus einem Körper, sondern er hat auch eine Psyche und eine individuelle Persönlichkeit. Für anthroposophische Ärzte bilden körperliches und seelisches Leben gemeinsam mit der Individualität des Menschen eine Einheit, sie beeinflussen sich wechselseitig. Dies in Diagnose und Therapie zu berücksichtigen ist eine wesentliche Grundlage anthroposophischer Medizin.
Dabei ist dies keine "Alternativmedizin" - sie will die konventionelle Medizin nicht ersetzen. Im Gegenteil - sie steht auf deren naturwissenschaftlicher Basis, geht dann aber noch einen Schritt weiter. Das heißt: Die anthroposophische Medizin setzt alles ein, was die naturwissenschaftliche Forschung an nützlichen Erkenntnissen für das "Objekt Mensch" bereit hält: Medizintechnik, Laborkontrollen, Medikamente, Operationen, Intensivmedizin. Darüber hinaus erfasst sie den Menschen als Subjekt in seiner Gesamtpersönlichkeit und in seinen Lebensbesonderheiten nach menschenkundlichen Gesetzmäßigkeiten. Dazu gehören: Körperbau und -sprache, Bewegungsfluss, Art des Händedrucks, Schlafverhalten, Wärme-/Kälteempfindlicheit, Atmung, körperliche Rhythmen. Sie versucht also, zusätzlich zu den allgemeinen Gesetzm��igkeiten einer Krankheit das Charakteristische des jeweiligen Menschen in das weitere Vorgehen einzubeziehen. Denn jeder Mensch ist einzigartig, und jede Behandlung ist es ebenfalls, auch wenn sie sich bei vielen Menschen ähnelt.
Anthroposophische Medizin ist deshalb nie pauschal. Sie vermeidet reine Routine. Auch wenn die Krankheitsbilder sich immer wieder gleichen, so bekommt doch jede Krankheit durch jeden Patienten ein eigenes Gesicht, das sich nicht von der Individualität des Menschen trennen lässt. Anthroposphische Medizin fragt deshalb nach den den körperlichen, aber ebenso nach den psychischen und persönlichen Voraussetzungen, die den krankmachenden Faktoren erst den Weg geebnet haben. Dies zu erkennen und therapeutisch umzusetzen, sich jedem Patienten neu zuzuwenden, geleitet von wissenschaftlichen Erkenntnissen, ärztlicher Erfahrung, persönlicher Urteilsfähigkeit und Intuition, ist ein wichtiges Charakteristikum anthroposophischer Medizin. Denn eine Medizin, die den Menschen als Individuum ausklammert, ist keine Humanmedizin.
aus: Anthroposophische Medizin,
Med. Sektion der freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum
Anthroposophisches Menschenbild
Zur Verwandtschaft zwischen Mensch und Natur
Mensch und Naturreiche sind durch ihre gemeinsame Evolution verwandt.
Körper-, Lebens- und Bewusstseinsbildung charakterisieren die drei großen
Entwicklungsstufen vom Mineral- bis zum Tierreich.
Physischer Leib
Aus den Stoffen der unbelebten, mineralischen Welt bauen Pflanze, Tier und
Mensch ihren physischen Leib auf. Dieser physische Leib aller lebenden
Organismen ist messbar, wägbar und chemisch-analytisch quantitativ zu
untersuchen. Er macht jede Gestalt räumlich sichtbar. Er kann mit Hilfe der
naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden in umfassender Weise beschrieben
werden. Dabei wird aber meist nicht beachtet, dass diese physische Organisation
immer aus lebendigen Entwicklungsprozessen heraus gestaltet ist, die mit der Befruchtung
beginnen. Erst wenn der Tod eingetreten ist, folgt der menschliche physische
Leib nur noch den Gesetzen der Physik und Chemie, unterliegt dann ohne Leben,
Seele und Geist den Gesetzmäßigkeiten der unbelebten Natur, der er entstammt,
und wird rasch chemisch zersetzt und aufgelöst. Gleich nach dem Tode gehen die
festen, flüssigen und gasförmigen Bestandteile des Leibes ihre eigenen Wege und
machen so deutlich, dass sie sich zur menschlichen Gestalt nur zusammenfügen
lassen, wenn der physische Leib von den Gesetzmäßigkeiten des Lebens durchzogen
ist und zusammengehalten wird.
Ätherleib
Die Pflanzen zeigen als Ausdruck ihrer Lebensvorgänge Stoffwechsel, Wachstum
und Fortpflanzung. Diese finden sich auch bei Tier und Mensch. Für den Bereich,
in dem sich die Gesetze des Lebendigen abspielen, verwendet Rudolf Steiner den
Begriff Ätherleib. Das griechische Wort ,,Äther” bezeichnet den von Sonne und
Sternen aufgehellten Himmelsraum. Dieser ist Voraussetzung für alle
Lebenstätigkeiten der Pflanzen, die sich nach der Sonne orientieren und ihre
Lebensenergie durch Photosynthese von ihr erhalten. Rudolf Steiner wollte mit
dieser Begriffsbildung deutlich machen, dass die Phänomene des Lebendigen ohne
Einbeziehung der planetarischen Welt nicht verständlich sind. Die Gesetze des
Lebens hindern kontinuierlich den physischen Leib an seinem Verfall. Sie
erweisen sich dadurch stärker als der Tod.
Die Gesetze der Vererbung, des Wachstums, der Regeneration, der rhythmisch
sich wiederholenden Organfunktionen sind weitere Charakteristika des
Ätherleibes. Hinzu kommt die Zeit als bestimmender Faktor lebendiger Vorgänge,
die wir auch am Tagesgang der Gestirne ablesen. Jede Lebensäußerung ist an
einen bestimmten Entwicklungs- bzw. Zeitlauf gebunden. Jeder Organismus, der
einen Ätherleib besitzt, hat seine besonderen Zeitstrukturen, die für diesen
ebenso charakteristisch sind wie die Raumgestalt für den physischen Leib.
Astralleib
Tier und Mensch folgen aber nicht nur den Gesetzen von Raum und Zeit, sie
haben auch seelisches Innenleben. Wo Bewusstsein sich äußert, wo seelisches
Leben sich regt, vollzieht sich auf der Ebene des Lebens der radikale Umschwung
vom pflanzlichen zum tierischen Stoffwechsel, der auf Abbau gegründet ist. Die
Pflanze, die neben dem physischen Leib nur einen Ätherleib besitzt, hat einen
assimilierenden Aufbaustoffwechsel. Das Tier hingegen und auch der Mensch
verdanken ihre seelische Regsamkeit, ihre Bewegungsfähigkeit, ihre rhythmische
Verselbständigung und das Vermögen, Laute von sich zu geben, der Atmung, die
die „Verbrennung” (oxydativer Abbaustoffwechsel) ermöglicht.
Das menschliche Bewusstsein umfasst sowohl die Informationen, die über die
Sinne aufgenommen werden, als auch die durch das Denken bestehende Möglichkeit
des geistigen Anschauens, was sich auf den gesamten Kosmos und seinen Werdegang
erstrecken kann. Nichts gibt es im Weltenall, was nicht Gegenstand menschlicher
Bewusstseinstätigkeit sein könnte.
Daher benennt Steiner den Astralleib, einem älteren Ausdruck folgend, nach
Aster = Stern, um deutlich zu machen, dass er die Gesetze der gesamten
kosmischen Ordnungen enthält, in die auch die Erde als Weltenkörper einbezogen
ist.
So hat der Astralleib größte Gegensätze in sich zu vereinigen: Das an die
Sinne und den physischen Leib gebundene ,,Erdenbewusstsein" und das durch
das Denken mögliche „kosmische Bewusstsein”. Die den Lebensvorgängen
innewohnenden Triebkräfte werden als Begierden, Wünsche, Neigungen ebenso durch
ihn bewusst gemacht wie die Gesetze der Vernunft und der Moral. Sympathie und Antipathie,
d.h. die innere Bewegungsdynamik des Gefühlslebens, sind dabei die
bestimmenden, orientierenden Kräfte. Freude und Schmerz, Lust und Unlust sind
die bildenden Kräfte des seelischen Erlebens.
Ich-Organisation
Das Auftreten und Handhaben der Ich-Organisation unterscheidet den Menschen
grundsätzlich von Tier, Pflanze und Mineral. Sie ist Träger des typisch
menschlichen Selbstbewusstseins, womit die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen
und zur freien Selbstbestimmung verbunden ist. Was die Tiere als trieb- und
instinktgebundene Wesen nur ausleben können, so wie es in ihrer Natur veranlagt
ist, lernt der Mensch bis zu einem gewissen Grade zu beherrschen und sich frei
verfügbar zu machen. Es ist ihm dies möglich, weil er die Gesetzmäßigkeiten der
Wärme individuell handhaben kann und zum Träger seiner Persönlichkeit macht.
Die höheren Tiere können das nicht, obwohl auch sie schon einen Wärmeorganismus
haben. Sie haben aber keine Ich-Organisation, durch die die Wärme
individualisiert und zum Ausdruck der Persönlichkeit werden kann. Von der
Ich-Organisation aus kann der Mensch auch die anderen Seinsebenen so
beherrschen, dass letztlich auch der physische Leib ein getreues Abbild seines
seelisch-geistigen Lebens wird.
Je gesünder der Mensch ist, um so fähiger ist er, seinen Charakter und sein
Wesen in allen vier Seinsbereichen zu äußern und darzustellen. Krankheit
hingegen bedeutet stets ein Dominantwerden von Naturvorgängen, in dem die
Gesetze eines der vier Wesensglieder (physischer Leib, Ätherleib, Astralleib
und Ich-Organisation) nicht mehr im Einklang sind mit denen der anderen. Jede
Störung ist daher letztlich auch mit einer Störung der Ich-Organisation
verbunden, da der Prozess der Integration gestört ist, dessen Träger die Wärme
ist.
Aufgrund der gemeinsamen Entwicklung wirken also im menschlichen Organismus
Gesetzmäßigkeiten, die in der mineralischen, pflanzlich-lebendigen und
animalisch-empfindenden Umwelt getrennt zu finden sind. Sie müssen von der
Ich-Organisation dauernd während des Lebens integriert, d.h. vermenschlicht
werden. Ernährung und Verdauung lassen diese Beziehungen zwischen Mensch und
Naturreichen wieder auf besondere Weise deutlich werden.
Grundtypen leiblicher Erkrankungen
Sklerose
Skleroseartige Erkrankungen sind dadurch charakterisiert, dass aus dem
Fließgleichgewicht der lebendigen Stoffwechseltätigkeit Stoffe sich krankhaft
im Gewebe ablagern. Sie fallen damit aus den Lebensprozessen heraus und treten
in den Bereich der Gesetze des Anorganischen, Mineralischen ein. Das kann bis
zu Kalkablagerungen oder Steinbildungen führen. Solche Verhärtungsprozesse
können sich in nahezu allen Organen und Organsystemen zeigen und machen
sichtbar, dass die Gesetze des physischen Leibes sich den Lebensgesetzen des
Ätherleibes nicht mehr einfügen, sondern isoliert zur Wirksamkeit kommen. Zu
dieser Krankheitsgruppe gehören neben den genannten Steinerkrankungen alle
Ablagerungserkrankungen, wie die Arteriosklerose oder verhärtende Umbauvorgänge
in den verschiedensten Organen.
Das Schwächerwerden der Wirksamkeit des Ätherleibes zeigt sich an der
Abnahme der Durchblutung und damit auch der Stoffwechselvorgänge. In einem so
mehr dem Leblosen zuneigenden, sich verhärtenden Organismus nehmen mechanische,
physikalische Gesetzmäßigkeiten zu.
Wucherungen
Gesteigerte Regenerationsprozesse mit übermäßig fortschreitenden
Wachstumsschüben oder ungeformtes, kontinuierliches Wachstum, das Organgrenzen
durchbricht, sind Erscheinungen ungezügelten Lebens. Solche Charakteristika
gesteigerten Lebens – am falschen Ort, im falschen Maß und zur falschen Zeit –
lassen den menschlichen Organismus „pflanzenähnlicher” werden. Das abnorme,
überschießende, von der Ich-Organisation und vom Astralleib nicht mehr
kontrollierte, selbständig gewordene Wachstum zeigt, dass ein Ungleichgewicht
durch das Vorherrschen des Ätherleibes im Organismus vorliegt.
Entzündliche Erkrankungen
Skleroseartige Erkrankungen, insbesondere in den Anfangsstadien, verursachen
weder Krankheitsgefühle noch Schmerzempfindungen. Diese beiden Symptome sind
dagegen typisch für entzündliche Erkrankungen. Diese können nur in Organismen
auftreten, die Stoffwechselprozesse vollziehen und darüber hinaus ein
Nervensystem als körperliche Voraussetzung für Bewusstseinsbildung entwickelt
haben, so wie es bei Tier und Mensch der Fall ist. Bei entzündlichen
Erkrankungen ist das leiborientierte, seelische Erleben verstärkt, weil der Astralleib
zu tief in den belebten Organismus eingreift. Das Krankheitsgefühl, das schon
bei jedem Schnupfen oder bei jeder leichten Erkältungskrankheit auftritt,
korreliert mit dem Grad der Steigerung der Stoffwechselprozesse, die
normalerweise unter der Schwelle des Bewusstseins bleiben. Bewusstsein setzt
immer Seelentätigkeit voraus, die in der Evolution zuerst beim Tier auftritt.
Bei den entzündlichen Erkrankungen wird also Animalisches (Anima = Seele) im
Menschen vorherrschend.
Heilmittelfindung und Heilmittelherstellung
Naturkräfte bewirken Heilungsvorgänge
Die anthroposophische Pharmazie dient einer rationalen
Therapie, die auf dem genannten Zusammenhang des Menschen mit den Naturreichen
beruht. Dabei baut sie auf Rudolf Steiners Forschungsergebnissen auf.
Ausgangsstoffe, die dem Mineralreich entnommen werden, haben in homöopathisch
zubereiteter Form eine direkte Wirkbeziehung zur Ich-Organisation, indem sie
deren Fähigkeit unterstützen, den physischen Leib (wieder) zu beherrschen und
die Fülle der Einzelprozesse zu integrieren. Pflanzliche Ausgangsstoffe wirken
primär auf den Astralleib, auf das Seelische und regulieren dessen Beziehung zu
den Lebensvorgängen des Ätherleibes. Ausgangsstoffe tierischer Art wirken im
menschlichen Organismus direkt auf die Vitalvorgänge des Ätherleibes und
regulieren sein Verhältnis zum Astralleib. Menschliche Substanzen
(Bluttransfusionen, Humanalbumin u.a.), die dem menschlichen Organismus
verabreicht werden, haben eine wesentliche Bedeutung für seinen physischen Leib.
Aufgrund dieser Beziehungen ergeben sich je nach Krankheitsbild die
Zusammenhänge mit bestimmten Ausgangsstoffen aus den Naturreichen für die
Heilmittelzubereitung.
Zur Heilmittelherstellung
Eine aus der Natur entnommene Heilsubstanz kann nur in seltenen Fällen ohne
Anwendung eines pharmazeutischen Verfahrens im menschlichen Organismus eine
Heilwirkung entfalten. Somit ist das Herstellungsverfahren Bindeglied zwischen
Natursubstanz und Mensch. Es kommt dabei nicht nur auf die arzneiliche Form an,
in welcher ein Stoff verabreicht wird (Tabletten, Pulver, Tropfen, Salbe usw.),
sondern auf die pharmazeutische Bearbeitung, welche die Substanz so verwandelt,
dass sie, vom menschlichen Organismus aufgenommen, die gewünschte
therapeutische Wirksamkeit entfalten kann. Somit besteht die Aufgabe des
Pharmazeuten darin, in Fortsetzung der Naturgesetzmäßigkeit, das gewünschte
Heilprinzip in den Stoffzusammenhängen herauszuarbeiten und in eine geeignete
arzneiliche Form zu übertragen.
Dazu bedient er sich verschiedenster pharmazeutischer Verfahren, wie z.B.:
Verfestigungs-
und Mineralisierungs-Prozessen (z.B. kristallisieren, trocknen usw.)Verflüssigungs-Prozessen
(z.B. lösen, schmelzen usw.)Verluftungs-Prozessen
(z.B. destillieren usw.)Verbrennungs-Prozessen
(z.B. verkohlen, veraschen usw.)
Durch die gezielte Anwendung dieser elementar verschiedenen pharmazeutischen
Verfahren können die natürlichen Ausgangssubstanzen so zu Heilmitteln
verarbeitet werden, dass besondere Beziehungen zur Wirkungsweise der einzelnen
menschlichen Wesensglieder entstehen. Die pharmazeutischen Verfahren nehmen
bestimmte, von den Wesensgliedern sonst zu leistende physiologische Prozesse
vorweg. Das Potenzierungsverfahren beispielsweise bewirkt, dass die
Heilsubstanz stufenweise durch rhythmische Verschüttelung bzw. Verreibung
verdünnt wird und dass das dabei verwendete Verdünnungsmedium (z.B. Wasser)
dadurch eine neue, dem Ausgangsstoff entsprechende Konfiguration eingeprägt
bekommt. Auf diese kommt es bei potenzierten Arzneimitteln vor allem an – nicht
allein auf die Stoffmengen, die Verwendung finden. In der anthroposophischen
Pharmazie werden auch Wärmeanwendungen sehr spezifisch zwischen
Zimmertemperatur und mehreren 100 Grad Celsius gehandhabt, um der Stofflichkeit
dadurch eine bestimmte Qualität zu geben.
Die vielen möglichen pharmazeutischen Prozesse können in vielfältiger Weise
kombiniert werden. Das gleiche gilt naturgemäß auch für die verwendeten
Substanzen. So wie die Medizin nicht nur Wissenschaft, sondern besonders in der
Therapie auch Kunst ist, wird die Pharmazie dann zur Kunst, wenn wirksame
„Kompositionen“ der angewendeten Substanzen und Verfahren entwickelt und
gehandhabt werden. Dr. med. Jürgen Schürholz, Internist
Die zu Beginn des
20. Jahrhunderts von Rudolf Steiner entwickelte anthroposophische
Geisteswissenschaft zeigt Wege auf, die Gesetzmäßigkeiten von Mensch und Welt
besser verstehen zu lernen und dementsprechend zu handeln.
Praktisch entwickelt wurden auf dieser Grundlage u.a. die Waldorfpädagogik,
der biologisch-dynamischer Landbau, eine am Sozialen orientierte Wirtschaft und
die anthroposophisch erweiterte Medizin und Pharmazie.
Anthroposophie ergänzt als Wissenschaft vom Geist das sich auf das Physische
beziehende materialistische Natur- und Weltbild um die übersinnlichen Seinsebenen
Leben, Seele und Geist: Sie setzt beim exakten naturwissenschaftlichen Denken
an und erweitert die auf das Materielle beschränkten exakten Forschungsmethode
nach der Richtung des Geistigen. Die Forschung der anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft bezieht sich auf die Betrachtung des Menschen mit seinem
individuellen Wesen, das sich in der Welt körperlich, seelisch und geistig
realisiert, sowie auf die den Menschen umgebende natürliche, seelische und
geistige Welt.
Ausgehend von der Forschung, hat die anthroposophische Geisteswissenschaft
auf die verschiedensten Lebensbereiche erneuernd gewirkt.
Medizin
Die anthroposophische Erweiterung der Medizin wurde von Dr. Rudolf Steiner
in Zusammenarbeit mit der Ärztin Dr. Ita Wegman ab 1920 angeregt und
entwickelt.
Sie setzt, um zu objektiven Befunden zu gelangen, die Methoden der
naturwissenschaftlich orientierten sogenannten Schulmedizin ein. Für die
ganzheitliche Beurteilung von Gesundheit, Krankheit und Heilung – unter
Einbeziehung der subjektiven Befindlichkeit und der Biographie wendet sie
ergänzend geisteswissenschaftliche Methoden und Forschungsergebnisse der
Anthroposophie an. So entsteht für den Arzt ein ganzheitliches Bild vom Kranken
als Grundlage für ein individuelles Therapiekonzept.
Therapeutisch verwendet der anthroposophische Arzt – in Abhängigkeit von Art
und Schwere der Erkrankung sowie dem Alter und Kräftezustand des Patienten –
neben Arzneimitteln der wissenschaftlichen Pharmakologie bevorzugt Präparate
auf Naturgrundlage, um die Selbstheilungskräfte beim Kranken
anzuregen.Hergestellt werden solche Arzneimittel entweder nach homöopathischen
oder eigenen Verfahren in anthroposophischen Arzneimittelbetrieben.
Erweiterung der Medizin in diesem Sinne ermöglicht Allseitigkeit. Sie
ergänzt die naturwissenschaftlichen Ergebnisse der modernen Schulmedizin um
methodisch erarbeitete Erkenntnisse über das Lebendige, das Seelische und das
Geistige im Menschen: Krankheiten oder Befindlichkeitsstörungen stehen immer im
Zusammenhang mit der biographischen, sozialen und körperlichen Gesamtsituation
des Menschen.
Die Eigenaktivität des Patienten stärkende künstlerische Therapien
(therapeutisches Plastizieren, therapeutisches Malen, Musiktherapie,
Sprachtherapie und Heileurythmie)
werden wie auch die „Rhythmische Massage nach Dr. med. Ita Wegman” ärztlich
verordnet und von Fachleuten in Kliniken, Praxen sowie Therapeutika bei akuten
und chronischen Krankheiten durchgeführt.
Die anthroposophische Heilkunst hat sich in den 75 Jahren ihres Bestehens in
weite Teile der Welt ausgedehnt. Es gibt in 28 Ländern anthroposophische
Ärztegesellschaften und weltweit etwa 350 heilpädagogische Einrichtungen
(Heime, Tagesstätten, Beratungsstellen und Sonderschulen) für körperlich oder
mental behinderte und schwer erziehbare Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
In der Schweiz, in Deutschland, England, Schweden und Italien gibt es
klinische Einrichtungen, die als Akutkrankenhäuser
arbeiten. In Deutschland gehört die anthroposophisch erweiterte Medizin wie die
Homöopathie und die Phytotherapie seit 1976 zu den „besonderen
Therapierichtungen", für die 1989 im Gesundheitsreformgesetz die Erstattung
der Kosten durch die gesetzlichen Krankenkassen
vom Grundsatz her geregelt wurde. Pädagogik
1921/22 entwickelte Rudolf Steiner auf Anfrage des Industriellen Emil Molt
eine neue Pädagogik. Molt suchte für die Kinder der Arbeiter der
Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik in Stuttgart ein Schulsystem, das der
individuellen Entwicklung des heranwachsenden Menschen gerecht wird: die
Waldorfpädagogik.
Zur Zeit gibt es in Deutschland 165 Waldorfschulen mit rund 70.000 Schülern, weltweit sind es
über 550 Schulen. Noch größer ist die Zahl der Waldorfkindergärten, die das
kleine Kind auf den Eintritt in das Lernalter vorbereiten.
Landwirtschaft
Ein weiterer Impuls, der vom anthroposophischen Denken ausgeht, ist die
biologisch-dynamische Landwirtschaftsweise, die unter dem Warenzeichen
„DEMETER” ebenfalls eine weltweite Verbreitung gefunden hat. Entstanden ist
dieser Landbauimplus bereits 1925 während eines Kurses, den Rudolf Steiner vor
Landwirten auf dem Gut Koberwitz abhielt.
Etwa 1.000 landwirtschaftliche und verarbeitende Betriebe in Deutschland
besitzen heute die Anerkennung als Demeter-Betriebe
(bzw. „biodyn" für Betrieb in Umstellung).
Auch der WELEDA-eigene Heilpflanzenanbau arbeitet nach der
biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise.
Kunst
Die Bedeutung der Kunst lag für Rudolf Steiner darin, sinnlich Wahrnehmbares
durch individuelles Bewusstsein so zu verwandeln, dass das Kunstwerk Zeugnis
von etwas Geistigem ablegt: Der künstlerisch tätige Mensch ergreift sein
eigenes Wesen wie auch das der „weltschaffenden Prinzipien", um in dieser
Erfahrungswelt letztlich soziale Fähigkeiten zu entwickeln.
Mit seiner Auffassung vom Künstlerischen setzte Steiner wesentliche Impulse
für Malerei und Musik, Sprache und Schauspiel und insbesondere für die
Architektur (Goetheanum in Dornach/Schweiz) und für die neue Bewegungskunst
Eurythmie.
Die Eurythmie versteht sich als sichtbar gemachte Sprache und sichtbar
gemachter Gesang. Bestimmte Gesten liegen den Lauten der Sprache und den
Tonskalen bzw. Intervallen der Musik zugrunde, die in Raumformen und bestimmten
Gesten solistisch oder im Ensemble zur Darstellung gebracht werden.
Aus der Eurythmie als Kunstform entwickelten sich die pädagogische Eurythmie
und Heileurythmie.
Hochschule
Die Arbeit der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum in Dornach
umfasst sowohl die anthroposophische Grundlagenforschung als auch die
Ausarbeitung neuer Konzepte für verschiedene Praxisbereiche: Sie impulsiert die
Ausbildungsinstitute für die anthroposophischen Fachbereiche.Die Hochschule ist
eingebettet in die anthroposophische Gesellschaft, deren Zentrum ebenfalls am
Goetheanum ist. Die Verwaltung der anthroposophischen Gesellschaft erfolgt
weltweit durch dezentrale Landesgesellschaften (gemeinnützige Vereine).